… und in Zeitmaschinen?
[An english translation can be found her: Octopuses in Space]
Ist das überhaupt denkbar? Wassergefüllte Raumschiffe sind alleine durch die höhere Masse ein gewichtiges Hindernis auf diesem Weg. Auf der Haben-Seite könnten sie möglicherweise viel größere Beschleunigungen überstehen. Aber könnten sie überhaupt so weit kommen? Jede denkbare Form von Raumfahrt hat erst einmal mit Feuer zu tun, zumindest in ihrer Entwicklung. Selbst wenn man ohne Metalle auskommen, Elektronik wasserfest machen, raffinierte Lösungen finden könnte, ohne Schmelzöfen und Kurzschlüsse: Schon die Erfindung von Physik und Chemie ist ohne Flammen kaum vorstellbar.
Also bleibt der Weltraum den Landbewohnern vorbehalten?
Nein, mit etwas Glück und Hilfe könnte es gehen. Es taucht wohl in Iteration 3 vom „Weißes Rauschen“ auf, oder in einer eigenen Geschichte. Oder und … Ein spannender Artikel auf Pharyngula – Spiders in Space – hat mich nun dazu gebracht, das endlich einmal niederzuschreiben.
Oktopus-Dämmerung
Es könnte mit einem Wesen wie dem Larger Pacific Striped Octopus beginnen. Sie scheinen ein Sozialverhalten zu haben, zu kommunizieren, und sie können sich mehrmals im Leben fortpflanzen. Andere Arten sterben nach der Reproduktion, kein anderer Oktopus kann jemals seine Eltern kennenlernen.
Sie könnten also beginnen zu lernen, zu lehren, eine Kultur mit der Weitergabe von Wissen entwickeln. Folgen könnte ein wachsendes Gehirn, allgemeine Größenzunahme, ein höherer Nahrungsbedarf, gemeinsame Jagd. Da schon normale Kraken interessante Dinge sammeln und Gegenstände ausprobieren, sollte der Gebrauch von Werkzeugen von Muschelschalen schnell entdeckt werden. Als Nächstes könnte man sie zurecht schleifen, schärfen, formen. Andere Fundstücke wie eine gerade leergefressene Krebsschere könnten das Verständnis von Mechanik anregen, von Gelenken und Hebelwirkung. Vielleicht benutzen sie die Krebsschere, mit dünnen Armspitzen und Saugnäpfen von innen bedient, als Pinzette, um bissige oder nesselnde Beute aus ihrer Felsspalte zu ziehen, und machen sich als Nächstes Gedanken, wie sie sich verbessern ließe. Andere Materialien wären Treibholz, Fischgräten, Walknochen. Barten könnten zu elastischen Federn werden …
Sorry, zu nass!
Allerdings könnte es hier auch enden. Selbst wenn man die Erfindungsgabe dieser Wesen nicht unterschätzen sollte, sind die verfügbaren Materialien unter Wasser begrenzt. Kein Feuer, um Metalle zu schmieden, keine Chance, Leder zu gerben, alles ist feucht und zersetzt sich. Deshalb werden wir nie einem Oktopus im Weltall begegnen … außer …
Ein Tag am Strand –
Zwei Millionen Jahre vor unserer Zeit
Doch eines Tages waren sie gemeinsam auf der Jagd in der Zone zwischen Ebbe und Flut und darüber hinaus. Auch heutige Oktopusse tun das gelegentlich, schieben sich über trockengefallene Felsen um Beute in Gezeitentümpeln zu finden, wo sie nicht entkommen kann. Diese aber bewegen sich auf Stelzen aus Holz und Knochen behände über die Felsen, über den Sand und manchmal bis zum Waldrand … Sie benutzen Speere und Schleudern, um keine Beute entkommen zu lassen.
Erschrocken halten sie inne, als sie einem seltsamen Wesen gegenüberstehen. Sein Körper ist mit Fell bedeckt, und es steht auf zwei Armen, wo sie immer drei benötigen. Aber es hat ja nur vier! In einer der verbleibenden hält es einem Speer, der sich von ihren kaum unterscheidet. Nur seine Spitze ist anders, keine Muschelschale, sondern etwas glitzerndes, kantiges …
Nur für einen Augenblick lang richten sie die Spitzen im Reflex aufeinander, ehe sie begreifen, dass sie keine Bedrohung füreinander sind. Sie gehören zu verschiedenen Welten, und in dieser Übergangszone hat keiner etwas zu verlieren. Die Neugier siegt, und sie senken die Waffen. Sie erkennen ihre Chance, und am Ende deutet ein Finger auf die Wasserlinie, und ein Tentakel auf die Sonne. Morgen. Hier!
Zuerst war es wohl ein Tauschhandel, der sich so entwickelt hat. Erst Meeresfrüchte und Perlen gegen Feuersteinklingen und Leder, dann Erfahrung gegen Wissen. Eine Zeichensprache entstand, und über die Muster auf der Haut, mit denen die Tintenfischen sich verständigten, entdeckten die „Affen“ das Prinzip der Schrift Jahrtausende, bevor es ihnen aus eigener Kreativität gelungen wäre. Als sie es auf Muschelschalen ritzten, gelangte die Idee zurück ins Meer …
Noch immer ist weit ins Weltall. Das ganze Potenzial der Feuer, mit denen die „Affen“ (ich nenne sie einfach so, denn sie sind noch lange keine Menschen gewesen, als die Arten sich zuerst begegnet sind, und in diesem Szenario werden sie sich nie zum Menschen wie uns entwickeln) Raubtiere fernhalten oder Fische rösten (ein beliebtes Tauschobjekt), begreifen beide Seiten noch lange nicht. Vielleicht dauerte es noch einmal Jahrtausende, bis ein Stein in der Glut formbaren Metall ausschmolz. Die Kraken erkennen die Chance zuerst, kaum dass ein „Affe“ ihnen das seltsame neue Material zeigt. Alle ihre Versuche, stabile Gelenke wie die einer Krebsschere für ihre Werkzeuge zusammenzufügen, scheiterte an der Brüchigkeit der Werkstoffe Stein und Muschelschale. Man konnte sie schleifen, zuschlagen, aber nicht biegen, einrasten, formen. Hier ist die Lösung, und sie begreifen es sofort!
Exkurs: Wie entsteht Wissenschaft?
Die Steinzeit begann vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren, das Metallzeitalter vor gerade Acht. Allerdings waren es lange nur „nutzlose“ Edelmetalle, die hier auftauchten. Die Bronzezeit startete vor etwa 4000 Jahren, die Eisenzeit vor 2800. Experimentieren, Traditionsbildung, Vergessen, Weitermachen … ein schmerzhaft langer Weg. Mit schriftlichen Aufzeichnungen wurde alles besser, aber es dauerte noch viel länger, ehe sich eine echte Wissenschaft entwickelte. Der spannende Teil, die von Mathematik, Experiment und Theorie getriebene Erforschung der Welt, begann weit später. Galileo lebte im 16., Newton im 17. Jahrhundert. Was hat so lange gedauert? Hatten die Grundlagen der Mathematik nicht die alten Griechen gelegt? Es wurden Pyramiden gebaut, es gab Kriegsmaschinen, Mechanik, Dampfkreisel … viel mehr, als uns heute bekannt ist. Der Apparat von Antikythera, um das Jahr 70 vor unserer Zeit im Mittelmeer versunken, war eine Rechenmaschine zur Vorhersage von astronomischen Ereignissen wie Sonnenfinsternissen. Die ausgefeilte Technik seiner Zahnräder und Getriebe machen es unvorstellbar, dass er das Werk eines einzelnen Genies war. Da muss mehr gewesen sein, viel mehr, aber es ist korrodiert, verrostet, versunken. Die Bibliotheken dieser Zeit sind verloren. Trotzdem ist deutlich, was fehlt: Es gab keine Uhrwerke in Athen, es für keine Eisenbahn durch Rom. Warum?
, um das Jahr 70 vor unserer Zeit im Mittelmeer versunken, war eine Rechenmaschine zur Vorhersage von astronomischen Ereignissen wie Sonnenfinsternissen. Die ausgefeilte Technik seiner Zahnräder und Getriebe machen es unvorstellbar, dass er das Werk eines einzelnen Genies war. Da muss mehr gewesen sein, viel mehr, aber es ist korrodiert, verrostet, versunken. Die Bibliotheken dieser Zeit sind verloren. Trotzdem ist deutlich, was fehlt: Es gab keine Uhrwerke in Athen, es für keine Eisenbahn durch Rom. Warum?
Meine erste Idee war: Es gab keine Uhren, also musste man nicht die Details ihrer Mechanik erforschen, nicht die Kräfteverhältnisse von Zahnrädern und Pendeln. Als Uhrwerke erfunden wurden und ihre Genauigkeit ein Thema wurde, musste man die Mathematik und Physik dafür entwickeln. Vermutlich ist das falsch. Carlo Rovelli hat mich in Die Ordnung der Zeit auf eine andere Idee gebracht. Wir denken Zeit von der Uhr aus. doch damit zäumen wir das Pferd von hinten auf. Zeit war bis ins Mittelalter die Ordnung des Tages. Zwölf Uhr definiert sich durch den höchsten Sonnenstand, sechs Uhr durch ihren Auf- und Untergang. Welchen Sinn hatte da eine Uhr, auf der jede Stunde gleich lang war?
Es dauerte also bis in Galileos Jahrhundert, bis Zeit eine neue Bedeutung bekam, die Bewegung von Körpern beschrieb, die Entwicklung von Kräften, die Physik einer Dampfmaschine …
Aber was hat das mit Tintenfischen zu tun?
Krakenzeit!
Wir Menschen leben in einer Sonnenzeit, und bei jeder Zeitumstellung wird es uns schmerzlich bewusst. Auch Tintenfische sind vom Licht abhängig, nicht nur um zu sehen, sondern auch um zu kommunizieren. Farbmuster auf der Haut können nur als Sprache dienen, wenn man sie erkennen kann. Oktopusse werden in der Dunkelheit taubstumm!
Das ist noch immer eine Licht-Zeit wie die der Menschen, doch Kraken, die wie unsere in der Gezeitenwelt leben, haben einen weiteren Rhythmus: Ebbe und Flut. Sonne und Mond haben unterschiedliche Umlaufperioden, Gezeiten als System aus Schwingungsanregung und Rückkopplungen machen die Vorhersage zu einer Herausforderung, die auch wir Menschen kaum mehr als hundert Jahre beherrschen (nein, es sind keine zwei Wellenberge, die um die Erde laufen – schon die Existenz der Kontinente führt dieses beliebte Bild ad absurdum).
Für einen Oktopus in der Gezeitenzone, selbst wenn er sie nur zur Jagd benutzt, ist die Vorhersage von Ebbe und Flut ein lebenswichtiges Unterfangen. Seine Zeit besteht aus zwei gekoppelten Uhren, und sie sieht ganz anders aus als die Tag-Nacht-Zeit, die das Leben der Menschen bis vor wenigen Jahrhunderten bestimmt hat.
Von der Zeit zur Kraken-Wissenschaft
Es wäre also plausibel, dass intelligente Kraken eine Mathematik der Verschiebung von Massen, der Beschleunigungen und Kräfte lange vor Newton entwickelt hätten. In unserem Szenario könnten es Jahrtausende an Startvorteil gewesen sein.
Mit der Entdeckung der Metalle durch die „Affen“ am Strand kommt noch ein entscheidender Faktor hinzu. Die Oktopusse würden sich schnell wundern, wie ziellos die „Affen“ nach Erzen suchen, wie sinnlos sie ausprobieren, warum sie offensichtliches nicht erkennen. Denn für uns Affen unterscheiden sich Steine nach ihrer Farbe und Härte und Form. Es kommen noch ein paar mehr Faktoren hinzu, wenn sich das Wissen erweitert, aber auch sie sagen uns ohne Labor nichts über seine Zusammensetzung.
Kraken hingegen haben Geschmacks-Sinnesorgane (Chemorezeptoren) an jedem ihrer Saugnäpfe. Das hilft bei der Nahrungssuche in Felsspalten, aber es führt (wahrscheinlich) auch dazu, dass jeder Stein anders „schmeckt“. Und während sie ihren Helfern an Land mit ihren Sinnen auf die Sprünge helfen, würde sich eine weitere Wissenschaft entwickeln: Nicht nur Mathematik und Physik, sondern auch die Chemie, Jahrtausende vor unserer Zeit!
Krakenwelt!
Es sind also die Tintenfische, die in diese Welt schnell die Oberhand gewinnen. Sie leiten die Affen an, lehren und belohnen sie. Die Denkarbeit aber liegt bei den Weichtieren, sie treiben die Entwicklung voran. Jene die unsere Vorfahren hätten sein können, begreifen sie nur sehr beschränkt. Trotzdem nützt sie ihnen, denn sie erhalten von den Kraken nicht nur Tauschgüter, sondern doch auch selbst nutzbare Technik. Vielleicht sehen sie die Kopffüßer sogar als Götter. Es fehlt der Selektionsdruck, intelligenter zu werden.
Die Oktopusse hingegen würden mehr und mehr Unabhängigkeit erlangen. Anfangs müssten sie sich ihre Landanzüge aus Leder von den Affen nähen lassen, aber Schritt für Schritt würden sie mehr Kontrolle und Selbständigkeit erlangen. Sie würden Maschinen steuern, die gerade noch von Affen gefertigte Maschinen erstellen. Fernsteuerungen, künstliche Körper …
Im letzten Schritt würden die Affen überflüssig werden. Vielleicht würden sie auf eine niedrigere Kulturstufe zurückfallen, oder zu etwas ganz anderem werden. Gewiss aber nicht mehr zu Menschen, wie wir es sind.
Ist es passiert?
Wir haben keine Ahnung, ob der „Larger Pacific Striped Octopus“ (nein, es gibt noch keinen deutschen Namen, noch nicht einmal eine wissenschaftliche Erstbeschreibung) der erste seine ‚Art‘ war. Noch verstehen wir nicht im Ansatz, wie intelligent, wie ‚bewusst‘ Kraken wirklich sind. Peter Godfrey-Smiths Buch Other Minds – The Octopus and the evolution of intelligent life bietet faszinierende Einblicke in eine Lebenswelt, die wir wohl niemals wirklich ‚verstehen‘ können. Eine faszinierende Lektüre!
Wenn es längst andere wie sie gab, werden wir wohl keine Spuren von ihren finden. Angeschliffene Muscheln? Selbst wenn sie zu Fossilien würden, selbst wenn wir sie ausgraben würden, könnten wir sie verstehen?
Und vielleicht ist schon die hier beschriebene erste Begegnung schiefgelaufen. Irgendjemand feuerte seine Fischbein-Waffe ab, oder warf den Feuerstein-Speer. Vielleicht haben sie sich nie getroffen. Eine Minute Umweg, und sie sind sich nie begegnet. So viele Möglichkeiten des Scheiterns! Eine Seite wurde zu unseren Vorfahren, die andere verschwand im Meer … und die Evolution verpasste eine wunderbare Chance!
Oder die Viele-Welten-Interpetretation der Quantenphysik ist richtig (oder eine ihrer Variationen, verwandten oder kompatiblen Ansätze: Many Minds, Consistent Histories, Relationale Interpretation …) und jede mögliche / konsistente Deutung der globalen Wellenfunktion führt zu einer realen Welt. Dann ist es passiert, wird es passieren, auf jede mögliche Weise. Aber hier sind wir wieder in Kiyas Welt …